Wenn die bunten Fahnen wehen

Die Westküste ist schwul. Zumindest gibt man sich hier gerne hyperliberal und das ganz besonders in den Städten. Alles ist irgendwie ok. Überall wehen Regenbogenfahnen, bekennen sich Firmen wie Nike und Starbucks öffentlich zur LGTB Bewegung (wobei hier der Verdacht des Anbiederns zur Absatzförderung wohl nahe liegt) und an jeder Ecke riecht es nach Marihuana, das an der gesamten Westküste nun legalisiert ist. Trump Unterstützer findet man, wenn überhaupt, vereinzelt in ländlichen Gebieten und Microbreweries sind nach wie vor hip. Da kocht jeder sein eigenes Süppchen- ähm – Bierchen in verschiedensten Geschmacksrichtungen und hopfigen Stärkegraden. Ein wirklich g’scheites Bier kommt dabei leider selten raus. Aber das ist o.k. Wir sind ja liberal.

Auf jeden Fall habe ich die Zeit bei meinen Verwandten nördlich von San Francisco sehr genossen, bin kulinarisch verwöhnt worden und habe meine Fettpolster wieder aufgefüllt und guten Wein und Weißbier von Weihenstephan genossen bevor es wieder zurück auf die Straße ging. Erst noch durch bekannte Weinbaugebiete rund um das Napa Valley, bis zum Abend hin die Landschaft immer hügeliger wurde und die Weinberge dem Wald wichen. Mein Zelt stelle ich am Abend hinter einem, zum Wohnwagen a la Peter Lustig, umgebauten Lastwagen auf, direkt neben der privaten Hanfzucht. Der Besitzer schien arbeitslos zu sein und bastelt an weiteren Anhängern, auf denen er sogenannte Tiny Houses errichtet (Miniaturhäuser auf Rädern) in der Hoffnung, diese irgendwann verkaufen zu können. An sich ganz cool, was er aus dem Wagen aus recycelten Materialien gebaut hat, aber kaufen würde ich so etwas nicht. Habe ich auch nicht und am darauffolgenden Tag geht es dann richtig hinein in die Wälder Nordkaliforniens. Am nächsten Campingplatz treffe ich auf Nico aus Deutschland, dem ich in San Francisco zufällig schonmal begegnet war. Zusammen mit ihm und einem Neuseeländischen Radkollegen machen wir uns gemeinsam auf den Weg zur Avenue of the Giants und dem Humboldt Redwoods State Park. Eine schmale, gewundene Straße führt zwischen gigantischen Nadelbäumen von bis zu 115 m Höhe und 7 m Durchmesser. Dabei bilden die Stämme der Riesen teils die Straßenbegrenzung und durch die hohen Kronen fallen die Strahlen der Sonne wie Spotlichter auf den Asphalt und den Waldboden. Der Wald duftet nach Nadelholz und der Wind kommt am Boden fast nicht an. Auf den State Campingplätzen sitzt man mit seinem Zelt direkt zwischen diesen Bäumen und schaut hinauf in die windumrauschten, wankenden Wipfel. Erstaunlich ist, dass die höchsten Bäume der Welt Flachwurzler sind und sich mit ihren Wurzeln nur bis 3 Meter Tiefe in der weichen Erde verankern. Auf alle Fälle beeindruckend und weil es mir gut gefällt verbringe ich einen extra Tag zwischen den Sequoias, laufe die Waldpfade entlang und genieße die Ruhe zwischen diesen mehr als 1000 Jahre alten Giganten.

Am nächsten Tag finde ich einen Platz bei einer kleinen Bio Farm, wo ich die wohl coolste heiße Dusche auf der Reise bekommen habe. In einem kleinen Baumhaus in zwei Meter Höhe unter Mammutbäumen. Der Blick schweift über die weite Landschaft und über einem rauschen die hohen Baumwipfel während das von der kleinen Gastherme erhitzte Wasser über meinen Körper läuft. Die Gasflasche war gut gefüllt und so kann ich nicht einfach nur kurz duschen. Zu schön ist dieser Platz. Zum Abendessen bekomme ich alles an frischen Zutaten, was die kleine Farm hergibt. Frisch gemolkene Milch (super lecker und noch Euterwarm), irgendein Blattgemüse, das entfernt an Kohlrabi erinnert, Pilze, Rosmarin, Eier und Bunte Kartoffeln. Damit ließ sich ein wunderbar gesundes Abendessen zaubern und es war eine tolle Abwechslung zu meinen Spaghetti. Wieder mal Glück gehabt. Weiter durch Wald und nette Landschaft mit Rehen und Hirschen auf offenen Lichtungen erreiche ich meinen nächsten Campingplatz, wo ich meine Reisegefährten wieder treffe. Weil wir alle ähnlich reisen, brechen wir am nächsten Morgen wieder gemeinsam auf, genießen ein amerikanisches Breakfast, erreichen Oregon und damit auch den ersten Regen seit langem. Also wieder Pausentag- zum Glück ist das Zelt dicht- und hoffen, dass der nächste Tag besser wird. Und tatsächlich hatten wir überwiegend Glück. Bis auf ein paar kleine Schauer, blieben wir vom großen Regen, von dem viele andere Radfahrer berichteten, verschont. Der Hauptregen kam immer nachts oder es kam zufällig ein Kaffee, in das man sich retten konnte. Viel sehen konnte man von der viel gepriesenen Küste Oregons trotzdem nicht. Im Süden ist die Küste sehr rau, man passiert Leuchttürme und auf den Klippen darunter faulenzen Seelöwen. Durch den Wolkenverhangenen Himmel und den gelegentlichen Regen wirkt alles aber etwas trist. Auch die Oregon Dunes, große Sanddünen, konnte man nicht genießen, da das Wetter sich Dauerdepressiv gab. Immerhin die nette Radelgemeinschaft war eine willkommene Abwechslung und so trennten wir uns erst nach 10 Tagen. Im Dauerregen fuhren Nico und ich unabhängig von einander von Lincoln City in Richtung Salem um im Hotel Zelt und Kleidung zu trocknen, James aus Neuseeland fuhr weiter die Küste hoch und jeder war nun wieder für sich unterwegs. Auf dem Weg nach Portland hatte ich noch einen Shoppingstop eingeplant und als ich am Nachmittag in der Stadt im Norden Oregons ankam, kam auch endlich die Sonne wieder zum Vorschein. Portland selbst ist eine ganz nette Stadt mit vielen Microbreweries und kleinen und großen Läden und hübschen Neighberhoods, die wie eigene kleine Dörfchen in der Stadt ihren eigenen Mikrokosmos bilden. Gefiel mir gut und so blieb ich noch einen zweiten Tag um den Rosengarten und Japanischen Garten zu erkunden. Der „Rose Test Garden“ wie er offiziell heißt zeigt verschiedenste Rosenarten, zwischen deren Blütenpracht man umherflanieren kann. Manche Wildrosen verströmen dabei einen tollen Duft, während bei einigen schönen Züchtungen der Wohlgeruch leider komplett verloren gegangen ist. Bei tollem Wetter auf jeden Fall ein „Must see“ in Portland, von der schönen Sicht über die Stadt mit dem dahinter gelegenen, schneebedeckten Mount Hood ganz zu schweigen. Der Japanische Garten dagegen war ein ziemlicher Flop, mit 15 Euro Eintritt völlig überteuert und aufgrund des guten Wetters auch noch völlig überlaufen. Hinter Portland fing dann ein richtig schöner Abschnitt an. War ich bisher etwas enttäuscht, was die Küste anging, fuhr ich nun hinein in eine tolle Landschaft. In der Ferne hat man ständig gute Sicht auf die unzähligen schneebedeckten Vulkane und die steilen Wände der Kaskadenkette. Davor große Wälder in verschiedenen Grüntönen. Eine Landschaft wie aus kitschigen Heimatsfilmen, aber hier eben echt. So erreiche ich über gemütliche Nebenstrecken 2,5 Tage nach Portland die Großstadt Seattle. Hier verbringe ich aber nur einen halben Tag, suche aus Nostalgiegründen meine Lieblingspunkte auf (ja, auch ich bin manchmal sentimental) und setze dann am Abend mit der Fähre auf die der Stadt gegenüberliegende Insel Bainbridge Island über. In Seattle hatte ich vor einem Jahr und 11 Monaten, also nur wenige Monate vor Beginn meiner Radreise, schon 3 Tage verbracht und verzichtete daher diesmal auf einen längeren Aufenthalt hier. Auf Bainbridge Island bezog ich wieder den gleichen Campspot wie vor zwei Jahren und genoss vom Strand aus den Blick über das Wasser auf den 4392 m hohen Mt. Rainier, der in der Abendsonne rot leuchtete. Ganz gemütlich brach ich am nächsten Morgen, nach einem Frühstück am Ufer auf und radelte erst nur durch Wald und nach Überquerung der Verbindungsbrücke auf die nächste Insel immer wieder mit fantastischem Fernblick auf die Olympic Bergkette vorbei an netten kleinen Dörfchen. Hier auf den Inseln hatte man das Gefühl, dass das Leben nochmal einen Schritt langsamer und entspannter vor sich ging. Ein Abschnitt, der mir sehr gut gefiel, aber natürlich spielte nun endlich auch das Wetter wieder mit, was ja immer einen erheblichen Einfluss auf das Empfinden hat. Weiter die Inseln hinauf ging es über den Deception Pass, an dem meine Drohne beim Filmen leider das GPS Signal verlor und sich nicht mehr steuern ließ, was in einer Kollision mit einer Felswand und einer durch den Absturz zertrümmerten Drohne endete. Na ja. Pech. Kann man nichts machen. Trotzdem genoss ich noch die letzten 100 km bis zur Kanadischen Grenze, übernachtete nochmal auf der US amerikanischen Seite und wurde am nächsten Tag auf der Kanadischen Seite von meiner Cousine zum für mich zweiten Frühstück an diesem Tag, empfangen. Im Anschluss besuchte ich auf dem Weg noch einen weiteren Cousin, der am Nachmittag noch fliegen ging und mich auf einen Rundflug mitnahm bevor ich am Abend dann meinen Onkel und meine Tante wieder traf, bei denen ich nun für knapp zwei Wochen ausspanne und mich auf meinen letzten Abschnitt, hoch nach Alaska, vorbereite. Die US Westküste hat meine hohen Erwartungen zwar nicht ganz erfüllen können, wobei natürlich der verregnete Abschnitt an der wilden Küste Oregons Pech war. Gut gefallen hat es mir aber trotzdem und ich werde sicher auch immer wieder zurück kommen. Besonders die gigantischen Mammutbäume und Washington mit seinen Wäldern, Inseln und Schneebedeckten Bergen haben es mir auf dieser Reise angetan. Auch San Francisco war klasse und die Fahrt von San Diego nach Los Angeles mit meinem Bruder. Besonders die netten Begegnungen und die tolle Gastfreundschaft, die mir auf diesem Abschnitt widerfahren ist, werde ich nicht vergessen. Vielen Dank an alle, die meine Fahrt entlang der Westküste bereichert haben. Etwas erschrocken war ich über die große Zahl an Obdachlosen, die man auf den Straßen der Städte sieht. Aber das gehört hier zum Gesellschaftsbild eben auch dazu und auch an auf diesem Abschnitt der Reise hatte ich immer wieder Momente, in denen ich zu mir sagte: „Wow ist das toll hier!“ Die Reise bleibt also weiterhin schön und ich genieße jede Minute. Vielleicht melde ich mich nochmal kurz vor meiner Abfahrt von Vancouver in Richtung Alaska Mitte Juli. Ansonsten erst Mitte/Ende August wieder aus Fairbanks. Bis dahin wie immer viel Spaß mit den Schnappschüssen und Fotografien – heute 55 an der Zahl.

4 thoughts on “Wenn die bunten Fahnen wehen”

  1. Toll! So viel Bekanntes! Kann man sich immer wieder anschauen! Und gut, immer wieder Ankerplätze bei lieben Verwandten zu haben…

  2. Schön! Endlich auch mal ein paar bekannte Spots 🙂 Schade, dass die Drohne einen tödlichen Unfall hatte!
    Viele Grüße an die Verwandtschaft!

  3. Wie immer ganz tolle eindrucksvolle Bilder und eine sehr lebendige ausdrucksvolle Sprache. Einiges erkannte ich auch wieder.weiterhin eine behütete Zeit.