Homecoming

Mal wieder sehr pünktlich klingelte der Wecker. Es ist Grenztag. Ein schnelles, letztes Frühstück im Hotelzimmer auf mexikanischem Boden und dann geht es los, frisches Trikot und frisch geduscht Richtung Grenzanlage. Man will ja schließlich einen guten Eindruck machen. In diesen Tagen weiß man ja nie, wer noch ins Land gelassen wird und wer nicht. Brav folgten wir den Schildern mit der Aufschrift „USA“, stellten uns in die Schlange und standen eine knappe Stunde später plötzlich verwundert vor dem US- Einreiseschalter. Nirgends haben wir die mexikanische Grenzstation entdeckt, wo wir uns unseren offiziellen Ausreisestempel hätten holen und die 25 Euro Ausreisegebühr hätten abdrücken müssen. Das war mir bisher noch nie passiert. Aber sei’s drum, sagten wir uns. Wir hatten keine Lust zurück zu gehen um einen mexikanischen Grenzbeamten zu suchen, der uns vielleicht hätte weiterhelfen können, oder auch nicht… 25 Euro und viel Zeit gespart, entschieden wir uns einfach es darauf ankommen zu lassen, uns bei der nächsten Reise nach Mexiko, wann auch immer das sein mag, eventuell erklären zu müssen. Der Grenzübergang selber verlief dann völlig problemlos und niemand wollte unser Gepäck durchwühlen, was meine größte Sorge war, bei den Mengen von Gepäck, die ich mitführe. Ein paar kurze Fragen und der Stempel für 6 Monate war im Pass. So einfach kann das sein. Und dann betritt man eine ganz andere Welt. Alles ist sauber, es ist viel ruhiger, alles ist offener und die Menschen leben in ihren Häusern nicht hinter Gittern. Man kann endlich mal wieder aus dem Wasserhahn trinken und das Toilettenpapier in der Schüssel versenken anstatt es in einen Papierkorb daneben zu schmeißen. Die Autofahrer sind höchst rücksichtsvoll unterwegs und mit dem Fahrrad hat man immer Vorfahrt. Wenn man als Fußgänger nur mal schnell auf die andere Straßenseite laufen möchte, löst man einen Stau aus, weil alle Spuren anhalten, anstatt einfach mit gleichmäßiger Geschwindigkeit weiterzufahren. Auch hupt oder schimpft keiner. Alle sind völlig entspannt. Dabei würde ich mir meine Lücke doch schon suchen und dann zum richtigen Zeitpunkt schnell rüberlaufen, ohne den Verkehrsfluss zu behindern. Na ja. Jetzt nehme ich hier eben auch öfter den Fußgängerüberweg und warte sogar manchmal bis es Grün wird. Man passt sich eben an… Unser erster Weg führte uns erstmal zur direkt an der Grenze gelegenen „Mall of the Americas“. Endlich mal wieder richtig shoppen gehen stand auf der Agenda. Für den ersten Abend hatten wir eine Einladung in einem der Yachtclubs von Coronado, dem Nobelvorort von San Diego. Dort hielt ein älteres Ehepaar, bei dem wir eingeladen waren, einen Vortrag über ihre Radreise entlang der Route 66. Drinks und gutes Essen (Prime Rib Steaks) inklusive und da wollten wir natürlich ordentlich angezogen sein. San Diego ist eine ganz nette Stadt mit vielen Restaurants und Bars, einer Uferpromenade mit Shops und historischen Museumsschiffen, vom dreimastigen Schoner bis zum Flugzeugträger. Eine Stadt, in der man problemlos mal einen halben Tag verbringen kann. Nach einem Pausentag ging es gemütlich, auf gut ausgeschilderten Radrouten und guten Fahrradwegen, die Küste hinauf. Immer durch dicht besiedeltes Gebiet mit vielen Villenvierteln, die die ganze Küste säumen. Hier verwirklicht sich jeder auf seine Weise. Vom schlichten Bauhausstil, über Mediterrane Villen mit Zypressenauffahrt bis zu verspielten Disney Märchenhausfantasien. Entlang von Palmengesäumten Straßen und ab und zu kopfschüttelnd vorbei an in Beton gegossenen Geschmacksverirrungen in Form von protzigen Cäsarenpalästen. Dazwischen immer Leute jeden Alters, die mit ihrem Surfboard gerade auf dem Weg an den Strand sind oder nass aus den Wellen steigen und ihr Surfboard auf das Autodach packen. America first sucht man auf den Straßen hier tatsächlich vergebens. Die hohe Dichte deutscher Autos aus Stuttgart und Bayern fällt hier doch auf. Neben Porsche, Mercedes und BMW sind aber auch häufig Bentley, der ein oder andere Ferrari und viele Masarati zu sehen. Aber auch Oldtimer Fans kommen hier auf ihre Kosten. Südkalifornien ist das gelebte Klischee des amerikanischen Traums. Hier scheint jeder am Wohlstand teilzuhaben und wer es zu etwas gebracht hat, zeigt es auch. Als entsprechend teuer empfinden wir es hier. Preise liegen im Schnitt 30%- 50% höher als in Deutschland. Vereinzelt kosten Grundnahrungsmittel wie Milchprodukte und Brot auch das Doppelte. Von Mexiko kommend, ist das natürlich erstmal ein Preisschock, aber mit der Zeit gewöhnt man sich eben auch an so etwas oder passt sein Verhalten entsprechend an, indem man weniger oft essen geht, das Zelt vorzugsweise auf der freien Wiese aufstellt, wenn es keine Hiker Biker Plätze gibt, wo man als Fahrradfahrer für 5-10 Euro unterkommt anstatt des regulären Preises von 25 – 40 Dollar pro Platz und Nacht. Die tollsten Übernachtungsplätze an der US Westküste bietet aber „Warmshowers“, was wir hier nun wieder regelmäßig nutzen. Zu Gast bei Fahrradenthusiasten, bekommt man mal ein ganzes Hotelzimmer gesponsert (Wert 330$ pro Nacht), mal ist man in einer Villa mit großer Fensterfront mit Blick aufs Meer oder man kommt in einem kleinen Haus in einem der einfachen Vororte Los Angeles unter, wo man auf der Couch pennt und vor dem Schlafengehen noch das Opossum einfängt, dass sich ins Haus verirrt hat und wieder nach draußen befördert werden muss. Man sitzt gemeinsam beim Abendessen, tauscht Geschichten aus, unterhält sich über Politik oder das tägliche Leben in den USA und bekommt nebenbei Einblicke in verschiedenste amerikanische Lebensmodelle. So fahren wir entspannt die letzten Tage bis Los Angeles. Die Stadt selber ist nicht so spektakulär. Hollywood ist völlig überbewertet und war eine Enttäuschung. Lohnenswerter sind das Griffith Obsorvatory mit interessanten Ausstellungen zum Thema Kosmos und mit tollem Blick über die Gigastadt. Auch durch die hübschen Wohngegenden in Beverly Hills und Umgebung zu fahren ist nett, wo man sehen kann, wie aus Spanplatten Luxuswohnungen gebaut werden. Der Rodeo Drive um zu sehen und gesehen zu werden ist auch noch ganz nett und der Santa Monica Pier ist ein Muss, nicht weil er so toll, sondern weil er so berühmt ist. Gleichzeitig war die Ankunft hier der offizielle Endpunkt für meinen Bruder, der auf der einen Seite froh war, es geschafft zu haben, auf der anderen Seite leicht wehmütig, da der Rückflug nach Deutschland nun immer näher rückte. Wir verbrachten ein paar entspannte Tage in der Stadt und dann hieß es Abschied nehmen. Am frühen Morgen kam das Taxi, das meinen Bruder samt Gepäck zum Flughafen bringen sollte. Ich fuhr den Umweg zum Flughafen selber, da das Taxi mein unverpacktes Fahrrad nicht mitnehmen wollte. Ein letzter Starbucks Kaffee gemeinsam und dann ging es für meinen Bruder durch den Sicherheitscheck und für mich wieder aufs Fahrrad. Nochmal entlang von Venice Beach und Santa Monica Pier und von hier ab nun offiziell wieder alleine gegen den Wind. Hinter Malibu wurden nun die schönen Autos seltener und das „normale“ Amerika begann. Die Besiedlung nahm spürbar ab. Die Strecken zwischen den Städten wurden etwas länger und erste Erdbeerfelder entlang der Straße tauchten auf, wo Mexikaner, die hier die Hälfte der Bevölkerung stellen, Arbeit finden. Entsprechend unterhalte ich mich in den meisten Läden oder auf der Straße noch auf Spanisch, nur um noch etwas in Übung zu bleiben. Santa Barbara ist dann wieder ein ganz nettes Städtchen, das nach einem großen Erdbeben komplett im andalusischen Stil wieder aufgebaut wurde. In San Luis Obispo werde ich spontan im Café eingeladen den Abend in der Stadt zu verbringen und mir die Stadt und den Farmers Market anzuschauen. Aufs Grillen (BBQ) verstehen sich die Amis übrigens ganz ausgezeichnet und danach gab es noch ein paar Bier bei toller Live Musik und mit tanzenden College Girls. Hier könnte ich problemlos leben. Aber natürlich muss ich mal wieder weiter. Nun geht es wirklich so richtig hinaus. Mehr Natur. Auf den legendären Highway 1. Ich wusste zwar, dass dieser ab Ragged Point gesperrt sein würde, hatte mir aber vorgenommen es trotzdem zu versuchen. Die Raue Küste entlang, die aufgewühlte See, die weiße Gischt sprühend an den Felsen anbrandet links von mir, rechts die sanften, grünen Hügel auf denen sich das lange Gras wie Wellen im starken Wind wiegt. Mächtig angestrengt kämpfe ich mich hier vorwärts. Kleine Highlights entlang der Strecke sind die immer wieder auftauchenden Delfine und Grauwale sowie die Seeelephantenkolonien, wo die Tiere mit den hässlichen Nasen zu hunderten die Strände belegen wie die Deutschen die Mallorquinischen Strände im Sommer.

Kurz darauf bekam ich von einem freundlichen Polizisten die Information, dass wenn ich auf dieser Straße weiterfahren würde, ich einen Strafzettel bekommen und vor Gericht erscheinen müsse. Da ich mir nicht sicher war, ob der Strafzettel mich wenigstens zur Weiterfahrt berechtigen würde, drehte ich lieber freiwillig um und fuhr die ganze Strecke wieder zurück (35 km/h mit Rückenwind und kaum treten) bis zur Abzweigung nach Paso Robles. Eine steile, gemütliche Nebenstraße führte dorthin und am Abend kam ich bei einem sehr liebenswerten Frührentnerpärchene unter, die gerade Freunde zum BBQ zu besuch hatten, mir am nächsten Morgen ein leckeres Frühstück bereiteten und mich dann einluden den Tag mit einer Radtour durch die Weinberge zu verbringen und sie dann auf einem der Weingüter zu treffen, in dessen Skulpturengarten man gemütlich sitzen und Wein trinken konnte, während auf der Bühne Live Musik spielte. Am Abend waren wir dann zum Gegenbesuch bei den Freunden und weinselig ging der Abend bei gutem Essen weiter. In Sachen Gastfreundschaft stehen die Amerikaner ihren Nachbarn im Süden definitiv in nichts nach. Ich war nun im Central Valley Kaliforniens. Auf Nebenstraßen ging es erst weiter durch Weinanbaugebiete, später dann wieder Erdbeeren, Kohl, Lauchzwiebeln und Salate und überall schufteten die Mexikaner im Akkord. Sobald eine Kiste voll ist, geht es im Laufschritt zur Abgabe, abstempeln und dann im Laufschritt wieder zurück. 8-10 Stunden arbeiten sie hier fleißig und in so einem Tempo, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Maschine das schneller könnte (abgesehen davon, dass manche Arbeit nicht maschinell verrichtet werden kann). Sehr beeindruckend dabei zuzuschauen. Dabei müssten die Arbeiter gar nicht im Akkord arbeiten. Sie machen das freiwillig, da sie so auf einen Stundenlohn von 15-17 Dollar kommen. Würden sie für ein Festgehalt arbeiten, bekämen sie gerade mal den Mindestlohn von 10 Dollar und dürften nicht länger als 8 Stunden pro Tag arbeiten. Natürlich ist dieses System, das auf die Selbstausbeutung der Mexikaner baut durchaus kritisch zu betrachten, aber der kurzfristig hohe Gewinn verhindert das Aufkeimen des Wunsches nach nachhaltigeren, auf langfristiges Wirtschaften hin ausgelegten Arbeitsbedingungen und funktioniert, solange genügend fitte und junge Arbeitskräfte nachkommen. Kräftig hügelig ging es die raue Küste entlang, noch einen Platten und damit der Abschied von meinem Reifen nach 23596 km und der Wechsel auf den neuen Pneu, den ich schon seit Costa Rica mit im Gepäck trage, bis San Francisco. Die nur 800 000 Einwohner zählende Stadt, zwischen anstrengenden Hügeln und dem Meer auf der einen Seite und der Bucht von San Francisco auf der anderen Seite liegend, gehört wohl zu den schönsten Städten der USA. Die Golden Gate Bridge als Wahrzeichen mit weltweitem Bekanntheitsgrad, die tolle Lage und die vielen Parks sowie ein großer Business District sowie die Nähe zum Silicon Valley machen die kleine Stadt zu einer Weltstadt mit hohem Lebenswert, aber auch extrem hohen Mieten. Untergekommen bin ich bei einem IT-ler, der von zu Hause aus flexibel arbeitet, sich einen Joint nach dem anderen dreht und mich auf eine Tour durch San Francisco vom Rennrad aus mitgenommen hat. Dafür bekam ich sein super leichtes Carbon Rad, auf dem ich die Hügel gefühlt wie mit Elektroantrieb hochflog. Die Golden Gate Bridge habe ich dabei aus allen Blickwinkeln gesehen und fotografiert und natürlich auch sonst alles kennengelernt, was San Francisco zu bieten hat. Besonders gut hat mir auch der Golden Gate Park gefallen. Im Gegensatz zum langweiligen und ollen Central Park in New York, hat man im Golden Gate Park wirklich das Gefühl draußen im Grünen zu sein. Die Geräusche der Stadt sind abgeschnitten, die Häuser sind nicht zu sehen und Familien kommen hier zum Picknicken hin oder schulen machen Grillausflüge und die Schüler spielen Frisbee oder Football. Dazu gibt es ausgezeichnete Radwege. Den Abend haben wir dann bei einem Bier in einem anderen Park im Viertel meines Gastgebers mit Blick über die Stadt ausklingen lassen.

Ich könnte mal wieder noch über so viel mehr schreiben, aber für heute will ich es mal gut sein lassen. Zusammenfassend kann ich sagen: Die Infrastruktur ist super, ich liebe die breiten Straßen und es gibt alles, was man braucht. Es ist schön mal wieder in normalen Häusern zu Gast zu sein und man kann sich wieder an den früher gewohnten Lebensstil gewöhnen. Es ist so ein bisschen wie wieder in den eigenen, vertrauten Kulturkreis zurück zu kommen, auch wenn es natürlich noch einige Unterschiede zwischen Deutschland und den USA gibt. Trotzdem ist es so ein bisschen, wie wieder nach Hause zu kommen. Man kennt sich aus, alles ist vertraut. Ich könnte auch sagen, ich genieße ich es einfach, wieder in meinem Lieblingsland zu sein. Meine nächste Etappe führt mich von San Francisco nach Chilliwack, in der Nähe von Vancouver, von wo aus ich mich dann in 4-5 Wochen wieder melden werde. Bis dahin wie immer: Alles Gute und viel Spaß mit den Schnappschüssen und Fotografien. Heute 78.  

 

4 thoughts on “Homecoming”

  1. Niklas, vllt erinnerst du dich noch an das gemeinsame campen in Tulum. Größten Respekt für deine Reise, ich bin immer wieder erstaunt was du erlebst und verfolge es sehr gerne.
    Besten Gruß und alles Beste

    1. Vielen Dank! Selbstverständlich erinnere ich mich. War eine gute Zeit in Tulum! Viele Grüße aus San Francisco

  2. Viele herzlich Grüße aus Zell u. a. und vielen Dank für die tollen Aufnahmen und Berichte von deiner Tour – einfach nur KLASSE!!! Weiterhin alles Gute wenig Platten und Speichenbrüche und vor allem keine Stürze – bleib gesund.
    Hanni